Merck Innovationszentrum Abschlussdokumentation
06.07.2018

Editorial office for design and architecture

Digital: Planen und Bauen
Vernetzt: Wohnen und Arbeiten
Integral: Systeme und Konstruktionen
Smart: Licht + Gebäude

…das sind die Leitthemen der BAU 2019. Zu jeden dieser Themen stellen wir Ihnen in einer vierteiligen Serie ein aktuelles Bauprojekt vor. Die beteiligten Architekten und Verarbeiter bzw. Ausführende schildern in Doppel-Interviews die besonderen Herausforderungen der Projekte und die Art ihrer Zusammenarbeit. Den Anfang macht zum Leitthema „Wohnen und Arbeiten das „Merck Innovation Center“ in Darmstadt. Architekt Martin Henn und Akustik-Berater Thomas Goldammer stellen das Projekt vor.

Projekt
Merck Innovation Center
Darmstadt, DE

Teilnehmer
Architekt: Martin Henn, HENN, Berlin, DE
Akustik: Thomas Goldammer, Müller-BBM, Berlin, DE

Offenheit fordert Extreme

Mit dem „Merck Innovation Center“ haben die Architekten von HENN aus Berlin einen Ort geschaffen, der interdisziplinäres Arbeiten und die Innovationskraft des Unternehmens fördern soll. Für eine gute Akustik hat HENN mit den Experten von Müller-BBM zusammengearbeitet.

Aus der Kooperation zwischen HENN und Müller-BBM ist das „Merck Innovation Center“ entstanden. Was hat Ihre Zusammenarbeit ausgemacht?

Martin Henn: Müller-BBM ist ein sehr renommiertes Büro und hat sehr viele bekannte Projekte akustisch beraten und erfolgreich umgesetzt. Unsere Kooperation ist von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung geprägt. Beim „Merck Innovation Center“ pflegten wir einen engen Dialog, um aus dieser speziellen Aufgabe heraus einen überzeugenden Gesamtentwurf zu entwickeln.

Thomas Goldammer: Als akustischer Berater greift man häufig in die Gestaltung ein. Die Zusammenarbeit mit HENN zeichnet sich immer durch einen kreativen Prozess aus, um eine anspruchsvolle Architektur zu realisieren, ohne dabei die Funktionalität aus dem Auge zu verlieren. Da wird auch schon mal hinterfragt, ob die empfohlenen Maßnahmen erforderlich sind. Bei unserer Zusammenarbeit geht es nicht darum, Prinzipien durchzusetzen, sondern die für das Gebäude beste Lösung zu finden.

Haben Sie bereits zuvor zusammengearbeitet?

Martin Henn: Wir arbeiten mit Müller-BBM schon seit Jahren erfolgreich zusammen, ob für Forschungslabore, Büroräume oder Konzertsäle. Aktuelle Projekte sind beispielsweise das Headquarter für Zalando oder ein Bürogebäude in der Europacity in Berlin. Von daher war es für uns naheliegend, auch beim „Merck Innovation Center“ mit Müller-BBM ins Gespräch zu kommen.

Thomas Goldammer: Bei den Projekten mit HENN realisieren wir oft nicht nur die Akustik, sondern kooperieren auch für Wärmeschutz, Energiebilanzierung und bauklimatische Untersuchungen. Mein erster Kontakt mit HENN fand zur Planung der Autostadt in Wolfsburg statt.

Mit welchen Vorstellungen einer Entwurfsidee beziehungsweise eines Details gingen Sie auf Müller-BBM zu?

Martin Henn: Wir sind mit einer abstrakten Raumstruktur auf Müller-BBM zugegangen. Zudem gab es die Anforderung, ein Café und Arbeitsflächen in diesem riesigen Raumkontinuum unterzubringen. Es standen relativ wenig Flächen für akustische Maßnahmen zur Verfügung. Thomas Goldammer und sein Team konnte sich nur auf die Decke und den Boden fokussieren. Die Herausforderung wurde von Müller-BBM mit hoher Qualität bewältigt.

Welche Eigenschaften sind Ihnen bei diesem Gewerk wichtig, Herr Henn?

Martin Henn: Kreativität und das bestmögliche Ausnutzen des vorhandenen Gestaltungsspielraum. Beim „Merck Innovation Center“ war dies besonders notwendig, denn es sollten Räume entstehen, die ein konzentriertes Arbeiten ermöglichen. Die Anforderungen im Office sind extrem. Einige Bereiche mussten akustisch speziell abgestimmt werden, um eine entsprechende Atmosphäre zu erzeugen. Müller-BBM ging sehr kreativ und engagiert mit dieser Aufgabe um.

Zu welchem Zeitpunkt werden Sie zu einem Projekt hinzugezogen, Herr Goldammer?

Thomas Goldammer: Das hängt vom Projekt ab. Bei der Planung eines Konzertsaals sollte man vom ersten Zeichenstrich an dabei sein, damit Raumvolumen und Geometrie stimmig sind. Bei Büro- oder Laborgebäuden sollten wir bereits in der Vorplanung mit einbezogen werden, denn die akustisch gewünschten Standards könnten sich auf Deckenstärke und Fassadengestaltung auswirken. Wenn wir erst zu einem späteren Zeitpunkt herangezogen werden, können sich größere Umplanungen ergeben. In manchen Fällen muss sogar auf die Erzielung höherer akustischer Standards verzichtet werden.

Wie oft gibt es Projekte, die als Sonderfall gelöst werden müssen?

Thomas Goldammer: Müller-BBM hat in der Vergangenheit einige spektakuläre Gebäude mit großen akustischen Herausforderungen mit geplant – etwa den Reichstag mit raumakustisch komplexer Kuppel oder den „Pierre Boulez Saal“ in der Barenboim-Said-Akademie. So werden wir häufig für Lösungen angefragt, für die es noch kein Vorbild gibt. Dabei ist es hilfreich, dass wir in Planegg bei München Bauteile und Materialien akustisch überprüfen können.

Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Architekten?

Thomas Goldammer: Daran teilzuhaben, dass die Vision eines Architekten Realität wird, ist immer wieder eine große Befriedigung. Es muss aber gar nicht immer der spektakuläre Entwurf sein. Ich schätze es sehr, wenn eine klare Linie im großen Ganzen wie im kleinen Detail erkennbar wird und es macht Spaß, gemeinsam mit dem Architekten nach akustischen Lösungen zu suchen, die diesem Gestaltungsprinzip gerecht werden.

Welche Rahmenbedingungen sind charakteristisch für das „Merck Innovation Center“?

Martin Henn: Das „Merck Innovation Center“ steht für die Öffnung des Unternehmens. Die Frankfurter Straße weitet sich zu einem öffentlichen Platz, an dessen Ende das Gebäude Transparenz und Agilität vermittelt. Der Entwurf soll Innovation fördern. Es ist ein Entwurf, der sehr stark von Innen nach Außen entwickelt wurde. Ausgehend von dem Raumprogramm, dass interne mit externen Mitarbeiter temporär und interdisziplinär zusammenarbeiten, haben wir die entsprechende Form erarbeitet.

Wie stellte sich die projektspezifische Aufgabe dar und welche Lösungen haben sie gefunden?

Thomas Goldammer: Die offene Raumstruktur, die mehrere Geschosse miteinander verbindet, ist akustisch nicht unproblematisch, da Geräusche über mehrere Ebenen übertragen werden. Wir haben einen Großteil der Deckenbereiche schallabsorbierend ausgeführt, wobei die Anforderung, das Gebäude über die Decken auch zu kühlen, Einschränkungen mit sich brachte. Das akustisches Optimum konnten wir mit einer gelochten Metalldecke erzielen. Alles wurde an einem Computer-Modell akustische simuliert.

Welche Veränderungen hat das Projekt von der ursprünglichen Planung bis zur Vollendung erfahren?

Thomas Goldammer: Es hat eine ständige Verfeinerung stattgefunden. Die Gestaltung der Decke mit sichtbarer, gelochter Akustik und unsichtbarem Akustikputz hat sich von Phase zu Phase weiterentwickelt. Zwischendurch wurde überlegt, das Café im Erdgeschoss baulich vom Foyer abzutrennen, um störende Geräusche aus diesem Bereich vollständig zu unterbinden. Durch schallabsorbierende Wandflächen im Café und nach intensiven Gesprächen mit Merck wurde auf eine solche Maßnahme verzichtet.

Was war für die Akustik besonders zu beachten?

Thomas Goldammer: Neben der Schall-Reduzierung sorgten wir auch dafür, dass die Lautsprecher-Ansagen bei Alarm gut verstanden werden. Auch hier stellte die offene Gebäudestruktur eine große Herausforderung dar, denn die Lautsprecher-Übertragungen aus verschiedenen Geschossen können sich mischen. Anhand elektroakustischer Simulationen konnte die Positionen der Lautsprecher und der optimale Typ festgelegt werden. Dabei wurde der Wunsch von HENN, die Lautsprecher hinter der Metalldecke anzuordnen, berücksichtigt.

Das Interview wurde geführt von Martina Metzner, World-Architects

Raum für Ruhe und Rückzug wurde ebenso geschaffen
Raum für Ruhe und Rückzug wurde ebenso geschaffen

 

Im Inneren dominieren fließende Formen
Im Inneren dominieren fließende Formen

 

Martin Henn
Martin Henn

 

Thomas Goldammer
Thomas Goldammer