09.10.2018

DIGITALISIERUNG – DIE MOSCHEE IN CAMBRIDGE

Digital: Planen und Bauen
Vernetzt: Wohnen und Arbeiten
Integral: Systeme und Konstruktionen
Smart: Licht + Gebäude

…das sind die Leitthemen der BAU 2019. Zu jeden dieser Themen stellen wir Ihnen in einer vierteiligen Serie ein aktuelles Bauprojekt vor. Die beteiligten Architekten und Verarbeiter bzw. Ausführende schildern in Doppel-Interviews die besonderen Herausforderungen der Projekte und die Art ihrer Zusammenarbeit.

Den Anfang macht zum Leitthema „Wohnen und Arbeiten das „Merck Innovation Center“ in Darmstadt. Architekt Martin Henn und Akustik-Berater Thomas Goldammer stellen das Projekt vor.
Im zweiten Teil der Serie stellen Jan Musikowski (Architekt) und Dirk Büttner (Axiotherm GmbH) das Futurium in Berlin vor.
Der dritte Teil unserer Serie beschäftigt sich mit der Moschee in Cambridge. Gemma Collins (Architektin) und Jephtha Schaffner (Projectleiterin Bluhmer-Lehmann AG) sprechen über ihre Zusammenarbeit.

 

Ornamentale Tradition mit Holz interpretiert

In Cambridge entsteht eine Moschee, deren Innenraum Assoziationen an einen Paradiesgarten weckt – mit Bäumen, deren Astwerk sich zu einem tragenden und schirmenden Gewölbe ausbreitet. Die aufgehenden Träger der insgesamt 30 Stützen verflechten sich zu Mustern, die tradierte Bauformen des Moscheebaus aufgreifen, hier aber in moderner Bauweise mit einer vollständig aus Holz bestehenden Konstruktion verwirklicht werden.

A. Allgemeine Fragen an den ARCHITEKTEN UND VERARBEITER

A1. Aus der Kooperation zwischen Ihnen (Architekt, Planer, Verarbeiter) wird ein sehr spannendes Gebäude entstehen, das Ergebnis einer guten Verknüpfung zwischen Architekt und Verarbeiter/Hersteller. Was ist das Besondere an Ihrer Zusammenarbeit?
Gemma Collins: Wir sind immer daran interessiert, die besten Spezialisten in einer frühen Projektphase einzubeziehen. Damit wollen wir sicherstellen, dass unsere Entwürfe so umgesetzt werden können, wie wir uns es vorstellen. In diesem Projekt haben wir das so gemacht und Blumer-Lehmann schon in der Entwurfsphase mit einbezogen. Wir haben den Entwurf ganz detailliert zusammen entwickelt. Dies ist ein spannender Aspekt in der globalen Bauindustrie, in der wir arbeiten. Hier können sich weltweit führende Design- und Konstruktionsspezialisten zusammenfinden, um Lösungen zu liefern, die nicht separat möglich sind. Dies ist eine echte Zusammenarbeit zwischen Architekt, Statiker und Verarbeiter.

Jephtha Schaffner: Die enge Zusammenarbeit, die über sechs Jahre dauerte, ist die Basis dieses Bauwerks. Bereits im 2011 kontaktierten uns die Architekten ein erstes Mal und wir durften ihnen in der Designphase beratend zur Seite stehen. In der Ausführungsphase vor dem Produktionsstart dauerte der Designprozess zwischen GU, Architekten und uns rund neun Monate, in denen alle Details bereinigt und ein Teil der Struktur bemustert wurde, dies mithilfe eines 1:1-Mock-UPs.

A2. Haben Sie zuvor bereits bei einem Projekt zusammen gearbeitet bzw. wie kam Ihre Kooperation bei diesem Projekt zustande?
Gemma Collins: Bislang hatten wir nicht mit Blumer-Lehmann zusammengearbeitet, aber wir haben im Laufe der Jahre ähnliche enge und kooperative Beziehungen zu anderen spezialisierten Subunternehmern in anderen Projekten gepflegt. Zum Beispiel haben wir sowohl beim Projekt „London Eye“ als auch beim „British Airways i360“ eng mit dem französischen Subunternehmer POMA und dem holländischen Vertragspartner Hollandia zusammengearbeitet, die es seit über zwanzig Jahre gibt. In gewisser Weise entspricht das der alten Bautradition des Mittelalters, als Baumeister und Steinmetze durch verschiedene europäische Städte zogen, um Kathedralen zu bauen.

Jephthah Schaffner: Das ist das erste Projekt zwischen diesen Architekten und uns. Marks Barfield wurde auf uns über unsere Referenzprojekte aufmerksam. Dann haben sie uns als Freiform-Experten an Bord geholt mit den Partnern SJB Kemper Fitze (Holzbau-Ingenieur) und Design-to-Production (digitale Planung).

A3. Erzählen Sie uns bitte eine kleine/kurze Anekdote aus Ihrer Zusammenarbeit.
Gemma Collins: Es ist eine Freude, mit einem Familienunternehmen zusammenzuarbeiten, das sich der Qualität und Innovation verpflichtet hat. Das wurde uns bei unserem Besuch in der Schweiz bewusst. Die Tatsache, dass der Betrieb mitten im Landesinneren liegt und bei der Energienutzung autark ist, ist beeindruckend und entspricht unserem Ethos in Sachen Nachhaltigkeit.

Jephtha Schaffner: Von Zeit zu Zeit haben wir einige Freiform-Teile im 3D-Drucker geprintet und zu den Designmeetings mitgenommen, um Details zu besprechen und fertigzustellen. Die Modelle waren bei den Architekten so beliebt, dass sie uns regelrecht entwendet wurden. Nach jedem dieser Meetings mussten unsere Partner Design-to-Production anschließend immer neue drucken.

Allgemeine Fragen an den ARCHITEKTEN

B1. Mit welchen Vorstellungen einer Entwurfsidee bzw. eines Details gehen Sie auf den Verarbeiter zu?
Gemma Collins: Wir haben versucht, die Idee einer englischen Moschee im 21. Jahrhundert zu entwickeln, inspiriert aus islamischen und englischen religiösen Architekturtraditionen. Die Verbindung zwischen dem Lokalen und dem Islamischen drückt sich in der natürlichen Welt aus.

„Die natürliche Welt wird als Verbindungspunkt vorgeschlagen. Das innere Heiligtum ist mit Holz verkleidet und bildet einen Wald von sechzehn Holzsäulen, von denen sich jede zur Unterstützung des Daches öffnet, dem sie durch geometrische Strukturen, die von der islamischen Baukunst inspiriert sind, folgt. Die Verbindung zwischen der Horizontalen und der Vertikalen, die die symbolische Botschaft eines heiligen Gebäudes ist, wird durch eine stille Feier des Wunders der Natur und die Fähigkeit des Glaubens, mathematische Ordnung darin zu entdecken, bewirkt.“
(Tim Winter, „Chairman“ der Cambridge Mosque Trust)

B2. Welche Eigenschaften sind Ihnen bei einem Verarbeiter für Ihre Projekte wichtig?
Gemma Collins: Das charakteristische Merkmal der Cambridge-Moschee ist ihre Holzstruktur. Die Holzsäulen oder „Bäume“ reichen bis zum Dach durch ein ineinander verschachteltes achteckiges Gittergewölbe, das an englische Gothic-Fab-Gewölbe erinnert und in der Nähe der Kings College Chapel Cambridge verwendet wird. Wir waren sehr daran interessiert, dass die dreidimensionale Geometrie der Holzkonstruktion so schlank und filigran wie möglich ist. Blumer-Lehmann konnte dies dank ausgeklügelter Fertigungstechniken mit modernster Maschinentechnologie liefern.

 

B3. Bis zu welchem Punkt im Planungsprozess darf es für die Machbarkeit bzw. Umsetzbarkeit einer Idee Ihrer Meinung nach keine „Grenzen“ durch beispielsweise bestimmte Produkte geben?
Gemma Collins: Ein wichtiges Merkmal unseres Designprozesses und -ansatzes soll frei von Vorurteilen bleiben. Wir wollen offen bleiben für Möglichkeiten und Veränderungen, die aus unseren Analysen resultieren. Unsere Entwürfe führen oft zu unerwarteten Designlösungen wie bei diesem Projekt. Dass wir Holz für die Hauptkonstruktion gewählt haben, war auch ein wichtiger Aspekt der nachhaltigen Entwurfsziele.

C. Allgemeine Fragen an den VERARBEITER

C1. Zu welchen Zeitpunkt der Planung werden Sie normalerweise zu einem Projekt hinzugezogen bzw. was wäre für Sie der Idealfall?
Jephtha Schaffner: Das ist ganz unterschiedlich. In diesem Projekt wurden wir 2011 ein erstes Mal kontaktiert als beratender Holzbauer, was schließlich in einer hervorragenden Zusammenarbeit und einem gelungenen Objekte endete. Bei Spezialprojekten aber auch bei „normalen“ Projekten sind wir im Idealfall früh an Bord und können so unsere Erfahrungen einbringen. Das führt zu einer hohen Qualität und sichert Kosten und Termine.

C2. Mit welcher Idee / Mit welchen Vorstellungen kommen Architekten/Planer normalerweise zu Ihnen? Wie oft sind Ideen dabei, die (zunächst) als Sonderfall gelöst werden müssen?
Jephtha Schaffner: Architekten kommen zu uns mit Ideen und Fragestellungen, bei denen sie einen Holzbau-Experten benötigen. Da wir über ein sehr breites Holzbau-Know-how verfügen und in verschiedenen Formen des Holzbaus tätig sind, also im klassischen Holzelementbau, der zum Beispiel für mehrstöckige Gebäude verwendet wird, im Modulbau und im Freiform-Holzbau können wir aus einem breiten Erfahrungsschatz schöpfen und dem Kunden immer innovative Lösungen anbieten.

C3. Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Architekten?
Jephtha Schaffner: Ich schätze deren gesamtheitliche Übersicht über das Projekt: Die Architekten haben Schnittstellen und Probleme rechtzeitig erkannt und diese gemeinsam mit den Experten gelöst.

D. Projektspezifische Fragen an den ARCHITEKTEN UND VERARBEITER

D1. Wie reagiert das Gebäude auf die verschiedenen Rahmenbedingungen (Normen, Energie, Kultur, Gesellschaft, etc.)?
Jephtha Schaffner: Das Gebäude ist mit seinem Hintergrund kulturell von hoher Bedeutung, Gesellschaftlich brisant, architektonisch einzigartig und von der Bauart modern und gleichwohl traditionell. Tradierte geometrische Muster des Moscheebaus verbinden sich mit einer modernen nachhaltigen Bauweise, was – in Verbindung der geplanten photovoltaischen Energiegewinnung und Regenwassergewinnung – die Bezeichnung als erste ökologische Moschee Europas rechtfertigt.“

D2. Was war die Bauaufgabe und welche spezifische Lösung haben Sie gefunden?
Jephtha Schaffner: Geplant war ein Freiform-Tragwerk für die neue Moschee in Cambridge. Dieses Dachtragwerk prägt sowohl den Raumeindruck im rund 8,50 Meter hohen Gebetssaal für 1000 Gläubige als auch den im etwas niedrigeren Eingangsbereich. Für uns galt es, diesen großartigen Designentwurf in die Realität mit modernster Holzbauplanung (Design-to-Production), Engineering (SJB Kempter Fitze) und Fertigung umzusetzen (Blumer-Lehmann AG).

D3. Welche Veränderung hat das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk erfahren?
Jephtha Schaffner: Die Form des Tragwerks wurde in Bezug auf Statik und Produktion entscheidend optimiert, obwohl diese Änderung für das Auge kaum wahrnehmbar ist. Durch das Eliminieren von Flachstellen im Gewölbe konnten die Tragwerksplaner von SJB die Trägerquerschnitte so schlank belassen, wie sie im ursprünglichen Entwurf geplant waren. Und weil die von Design-to-Production neu modellierte Referenzfläche an den Stützen wieder perfekt rotationssymmetrisch ist, konnten wir diese aus je 16 identischen Bauteilen montieren, bevor sich das Flechtwerk darüber in unterschiedliche Richtungen verzweigt.

D4. Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Jephtha Schaffner: Die Holzstruktur wurde von der modernsten Generation CNC-Maschinen gefräst und wäre so vor wenigen Jahren noch nicht realisierbar gewesen. Aber auch ökologische Aspekte beeinflussten das Projekt: Wir haben das Gewölbe aus mehrfach gekrümmten Fichten-Brettschichtholzträgern hergestellt.

D5. Was war beim Einbau des Materials/Produkts vor Ort besonders zu beachten?
Jephtha Schaffner: Die Holzbauteile sind alle in der Schweiz vorgefertigt worden, was einen großen Einfluss auf die Logistik hatte, d.h. die Holzbauteile mussten auf die Masse des Lkws abgestimmt sein. Außerdem waren der Witterungsschutz und die sorgfältige Montage besonders zu beachten. Insgesamt 80 Lastwagenladungen mit knapp 3.800 einzelnen Bauelementen legten die Reise von Gossau im Kanton St. Gallen ins rund 1.500 km entfernte Cambridge zurück. Unsere Logistik musste die Lkw-Transportbedingungen in verschiedenen Ländern Europas und auf der Fähre zwischen Rotterdam und Hull berücksichtigen. Noch wichtiger waren jedoch die richtige Zuordnung, Beschriftung und Reihenfolge aller Teile, denn nur wenn jedes Bauelement zum richtigen Zeitpunkt auf der Baustelle eintrifft, funktioniert die Montage nach Plan. Bei einem sieben Tage dauernden Transport kann man ein eventuell fehlendes Teil nicht mal eben so mit einem Anruf in der Firma nachbestellen.

Das Interview wurde geführt von: Melanie Schlegel, freie Redakteurin und Autorin
im Auftrag von World-Architects.com