13.09.2018

Interview mit Andreas Hild zu Digitalisierung am Bau

Interview mit Andreas Hild

Die Branche ist sich einig: Die Digitalisierung wird das Planen und Bauen komplett verändern, manche sagen revolutionieren. Doch was bedeutet das konkret für Planung und Ausführung? Und wie ist der Stand der Dinge in Deutschland im Vergleich zum Rest der Welt? Wir unterhielten uns darüber mit der Münchner Bauunternehmerin Laura Lammel und dem Münchner Architekten Andreas Hild.

 

„ Das Werkzeug hat immer etwas mit dem Ergebnis zu tun“

 

Herr Hild, wie bildet sich im Büro Hild und K die Digitalisierung des Bauwesens bereits im Arbeitsalltag, im Planungs- und Bauprozess, ab?
Sicherlich bestimmt die Digitalisierung unseren Alltag als Architekten. Allerdings ist das ein übergreifender und komplexer Prozess, der das komplette Bauwesen betrifft, vom Planen über das Bauen bis zum Betrieb. Wir müssen uns also zuerst einmal darauf verständigen, was Digitalisierung bedeutet.

Was bedeutet das konkret?
Am deutlichsten bemerke ich die Veränderungen in den bürointernen Prozessen; also daran, wie wir unsere Projekte abwickeln. Innerhalb unseres Büros arbeiten wir viel stärker digitalisiert – wenn ich das mit den Anfängen vergleiche. Seit damals, vor über 25 Jahren als wir starteten, hat sich viel bewegt. In den Bauprozessen selbst ist die Digitalisierung jedoch noch nicht so weit, wie man vermuten mag.

Zeigen die neuen bürointernen Prozesse konkret Auswirkung auf Ihre Teamstruktur und deren Zusammenarbeit?
Das ist in meinen Augen nicht so. Doch wir sind heute ein anderes Büro, als in den ersten Jahren nach der Bürogründung. Aktuell haben wir annähernd 60 Mitarbeiter. Vor 25 Jahren waren wir sechs Leute! Rückblickend heißt das: die Digitalisierung hielt parallel mit dem Wachstum von Hild und K Einzug. Und unsere Bürostruktur wiederum wurde an den jeweils aktuellen Stand der Digitalisierung angepasst.

Und was kommt nach BIM? Da muss erstmal nichts kommen. Als Architekt und Planer würde ich mir wünschen, dass man den digitalen Planungsprozess jetzt sinnvoll und als Standard so aufsetzen kann, wie er gedacht ist.

 

Ist die Digitalisierung ein Thema für Forschung und Lehre? Sie haben ja den Lehrstuhl für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege an der TU München – der nicht so stark in Richtung Digitalisierung zielt. Oder ist das ein Trugschluss?
Ja, ist es. Ich glaube, dass der Umbau in wesentlich höherem Maße in Richtung Digitalisierung zielt, als der Neubau. Und dass er das unbedingt muss. Ganz einfach, weil die bei einem Umbau erfassten Daten in einer voll digitalisierten Version wesentlich mehr Möglichkeiten bieten, als die Protokollierung in Form einer 2D-Bestandsaufnahme. So lässt sich auf digitale Daten von einem bestehenden Gebäude stets und früh im Gesamtprozess zugreifen. Bestandsdaten liegen traditionell als 2D-Daten vor, als ein 2D-Aufmaß. Das kann eine Menge Schwierigkeiten und Ungenauigkeiten bedeuten, über die ich in frühen Projektphasen bisher kaum etwas weiß. Weil ich sie nicht auslesen kann. Je kompletter ich den Bestand aufnehme, ihn als 3D-Modell vorliegen habe, desto genauer und zielführender kann ich ihn bearbeiten.

 

Wo sehen Sie denn die Potenziale beim Bauen in Bestand? Sie haben es kurz angedeutet: Es gibt eine Basis, die oft schlecht ist, Bestandsunterlagen als 2D-Pläne. Und wenn man als Bauherr oder Architekt Pech hat, gibt es gar keine Pläne.
Sagen wir mal so: ohne Pläne kann man nicht umbauen. Also muss sie jemand erstellen. Im Normalfall wird also ein Aufmaß auf der Schnitthöhe von 1 m hergestellt. Das reicht vielleicht für einen Neubau, jedoch nicht für einen Umbau. Ein 3D-Modell ist im Bestand sehr viel hilfreicher, als es bei einem Neubau sein könnte. Vor diesem Hintergrund sollte der Umbau-Sektor eigentlich einer der Treiber der weiteren Digitalisierung im Bauwesen sein.

 

Das ist ein Gedanke, der sich ebenso für Forschung und Lehre weiterführen lässt. Können Sie die Digitalisierungsthemen dort bereits einbinden – z. B. das 3D-Aufmaß oder die 3D-Modellerstellung im Bestand?
Wir binden das alles im Moment noch nicht in dem Maße in unsere Lehre ein, wie ich mir das wünsche. Dafür gibt es mehrere Gründe. Unter anderem kann ich den Studierenden nicht vorschreiben, mit welchem CAD-Programm sie arbeiten. Hinzu kommt: Ich müsste konsequenterweise bei allen Studentenaufgaben ein 3D-Modell erstellen lassen – und dann darauf hoffen, dass sie anschließend direkt hineinarbeiten. Das aber ist eine zeitaufwendige und damit teure Sache.

Eine wichtige Information, denn Architektenkollegen sagen oft: Wir wünschen uns, dass mehr Impulse aus der Lehre kommen, dass die Absolventen besser ausgebildet sind, um im Büro direkt in die Projektarbeit einzusteigen.
Das ist ein ewiger Streitpunkt: für was wird ein Architekt ausgebildet? Ein Aspekt ist der Bedarf vom Markt. Eine CAD-Software-Ausbildung, besonders in dem Feld der BIM-Planung kann vermutlich an den Hochschulen nicht in der nötigen Tiefe geleistet werden. Hinzu kommt, wie weit sich 3D und BIM in die Bestandslehre implementieren lassen. Das ist wie gesagt auch eine Kostenfrage. Und was kann ich an der Universität an Unterstützung zur Verfügung stellen? Diesen Fragen stellen wir uns und arbeiten daran weiter.

 

Welche besonderen Herausforderungen und Optionen sehen Sie bei der Einführung der digitalen Planungsmethode für den Architekten?
Ich glaube, dass wir Architekten weiterhin alle Leistungs- und Planungsphasen abbilden müssen. Eine Besonderheit, die aus der Digitalisierung und BIM kommt, ist die Verlagerung bestimmter Leistungen im Leistungsspektrum des Architekten. Wenn ich als Architekt also das komplette Spektrum abbilden kann, bediene ich die – wie es so schön heißt – gesamte Wertschöpfungskette.

Apropos BIM. Wie hoch ist Ihrer Meinung nach der Stellenwert des Themas, das ja aktuell in aller Munde ist?
Ich glaube, dass BIM abbildet, wie Planung sein müsste. Das ist längst noch nicht an allen Stellen die Realität. Trotzdem heißt das: So müsste Bauen und Planen funktionieren. Wir haben es in unserem Büro früh erkannt und bereits vor acht Jahren auf BIM umgestellt. Im Grundsatz scheitert BIM noch viel zu oft an einer zentralen Frage: Was versteht man darunter? Ich würde sagen, dass wir von BIM sprechen dürfen, wenn mindestens zwei Planungspartner in das gleiche 3D-Modell hineinarbeiten. Geschieht das nicht, ist es nur eine 3D-Planung. Und es bleibt darüber hinaus die Frage: ist das Verständnis beim Bauherrn vorhanden, dass so ein BIM-Projekt Planer erfordert, die in der Lage sind, dieses Werkzeug auch einzusetzen?

 

Für Architekten und Fachplaner bedeutet das digitale Planen und Bauen veränderte Arbeitsprozesse. Was heißt das für Ihre Planungsarbeit?
Die digitale Planung verändert die Zusammenarbeit ganz sicher, weil wir über größere Strecken hinweg sehr viel besser kooperieren können. Auch im Kleinen. Wir haben ein Berliner Büro, ein Münchner Büro – beide können ganz anders kooperieren, als zu den Zeiten, als man PDF-Dateien durch die Gegend mailte. Wenn der Fachplaner im annähernd gleichen Programm arbeitet, bedeutet das einen wesentlich reibungsloseren Informationsaustausch. Das Projekt wird leichter zu beherrschen, leichter zu überwachen, leichter zu Händeln.

 

Ist dies zugleich ein Appell an die Softwarehersteller, dass sie mehr Möglichkeiten zur übergreifenden Zusammenarbeit bieten sollten?
Die Möglichkeit zur Zusammenarbeit – so, wie man sich das wünscht – ist meiner Meinung nach nur innerhalb einer Programmfamilie möglich. Also letztlich als Closed BIM-Planung. Ich kann verstehen, dass z.B. die öffentliche Hand gern Open BIM möchte. Das bedeutet aber viele Hürden und wir sind davon noch einen großen Schritt weiter entfernt als vom vollständigen Prozess in einer Closed-BIM-Umgebung.

 

Und was kommt nach BIM?
Da muss erstmal nichts kommen. Als Architekt und Planer würde ich mir wünschen, dass man den digitalen Planungsprozess jetzt sinnvoll und als Standard so aufsetzen kann, wie er gedacht ist. Nach der Etablierung dieses Prozesses kann man dazu übergehen, dass definierte Produktionsabläufe direkt aus dem Modell heraus generiert werden. Architekten und Ingenieure müssten dafür jedoch strategisch etwas anders entwerfen als heute.

 

Es wird in Bezug auf digitales Planen und Bauen viel über Facility Management gesprochen und dass man die BIM-Planung für den Betrieb nutzen kann…
…was sicher eine Möglichkeit ist: mit der Planung stehen für den Betrieb Daten bereit, die weiterverarbeitet werden können. Nach unseren Erfahrungen sind erstaunlich wenige Unternehmen dazu in der Lage und haben tatsächlich Interesse an einem solch durchgängigen Prozess. Im Moment wird der BIM-Prozess im Wesentlichen von einzelnen Architekturbüros vorangetrieben. Weil sie das Gefühl haben, es muss so sein. Und sich dahin entwickeln möchten, dass die Gebäudewirtschaft darauf aufmerksam wird. Das ist, zumindest nach meiner Beobachtung, aber noch nicht der Fall.

Wenn Sie die Entwicklungen international einordnen, wie stehen die deutschen Architekten denn im Vergleich zu den ausländischen Kollegen da?
Ich kann da keinen Gesamtüberblick liefern. Es ist aber so, dass international eine höhere BIM-Durchdringung stattfindet, als auf dem deutschen Architektenmarkt. Das liegt unter anderem daran, dass er sehr kleinteilig ist. Und es daher nicht so einfach ist, aufwendige Software-Systeme mit den nötigen Schulungen und allen Anforderungen in den Architekturbüros zu implementieren.

 

Sehen Bauherr und Betreiber bereits den Nutzen der digitalen Planung?
Öffentliche Bauherren beginnen, sich dafür zu interessieren. Was mit den entsprechenden Richtlinien zur BIM-Einführung zu tun hat. Nach unseren Beobachtungen ist der private Bauherr, also der nicht öffentliche Investor, noch nicht daran interessiert. Er will normalerweise nicht tiefer einsteigen. Zumindest nicht in Deutschland.

 

Sind die Digitalisierung und BIM schon auf der Baustelle angekommen?
Ja. Im Bereich der Bauleitung auf jeden Fall. Wir als Büro praktizieren es. Wir haben eine Software, die uns die Arbeit hierbei vereinfacht. Die digitale Planung bietet darüber hinaus so viele Optionen, die letztlich auf dem BIM-Modell, dem 3D-Modell, aufsetzen. Auch diese werden genutzt, im Moment jedoch erstaunlich selten eingefordert.

 

Was ist denn über die genannten Optionen hinaus denkbar, wo sehen Sie Potenziale am Bau?
In der Bauleitung sind eine Reihe von Dingen digital gestützt möglich: Aufmaß und Massenermittlung, Mängeldokumentation etc. Im Bauprozess selbst, zum Beispiel im Fertigteilbau, gibt es Bereiche, für die die digitale Planung bereits eingesetzt wird. Doch vieles ist noch Zukunftsmusik: Im Mauerwerksbau haben wir den Mauer-Roboter, der die Wand erstellt. Oder wir sehen erste Beispiele für eine gedruckte Hauswand. Vermutlich ist es noch ein weiter Weg, bis sowas der Normallfall wird.

 

Die Bundesregierung unterstützt viele Forschungsprojekte. Ihr Büro ist seit vielen Jahren in der Bauforschung tätig. Was wünschen Sie sich von der Politik, auch in Hinblick auf neue Denk- und Lösungsansätze zum Bauen?
Wir brauchen eine höhere Umbaurate. Das ist ganz klar. Es steht völlig außer Frage, alle 30 Jahre eine komplette gebaute Umwelt auszuwechseln. Das ist undenkbar – weder, wegen des ideellen Werts der gebauten Umgebung noch aus ökologischen oder ökonomischen Belangen. Dafür müssen wir jedoch verschiedene Parameter anpassen. Im Moment ist ein Umbau immer noch teurer als ein Neubau. Das liegt vor allem daran, dass viele der Kosten, die beim Umbau gesamtgesellschaftlich entstehen, privatgesellschaftlich nicht auftauchen. Nehmen wir die „graue Energie“ beispielsweise. Darüber hinaus haben wir stets das Problem, mit einer Bauordnung umzubauen, die für den Neubau gedacht ist. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Wir brauchen also eine Umbauordnung, die das Bauen anders betrachtet. Daran schließt sich ein dritter Aspekt an: Ich muss mir die Frage stellen, ob wirklich jeder Umbau ein besserer Neubau sein muss. Wir werden also ebenso an Komfortfragen herangehen müssen.

 

Wie weit sollten sich Architekten denn in Richtung Digitalisierung bewegen? Werden wir das kleine Büro mit seiner Arbeitsnische weiterhin behalten?
Ich glaube, die Nische des Architekten, der mit dem A3-Transparentblock und dem 6B-Bleistift das Einfamilienhaus für seine Schwester plant, wird es immer geben. Wenn er den digitalen Prozess nicht einführen will, kann er noch immer mit einem geplotteten Plan auf die Baustelle kommen – auch in 20 Jahren noch. Ein Haus konventionell zu planen, bleibt weiter möglich. Davon bin ich überzeugt.

 

Soll die Einführung und Etablierung der Digitalen Planung nicht besser vom freien Markt gesteuert werden – und weniger vom wachsenden Druck der öffentlichen Hand?
Das Bauen der öffentlichen Hand nimmt ja zu großen Teilen am freien Markt teil. Die öffentliche Hand hat unabhängige Planer und unabhängige ausführende Firmen. Und sie ist viel weiter als die Privatwirtschaft. Das hätte ich vor 10 Jahren nie gedacht. Bis 2020 sollen zum Beispiel alle Infrastrukturprojekte des Bundes mit BIM geplant sein. Wir müssen also abwarten, zu welchen Friktionen diese Situation führt.

 

21.
Die Notwendigkeit privatwirtschaftlicher Investoren, stärker zu digitalisieren, scheint ja nicht vorhanden. Liegt das an der nachhaltig positiven Baukonjunkturlage?
Das mag auch mit der Baukonjunkturlage zu tun haben. Hinzu kommt die Bauaufgaben-Lage. Das heißt: wenn ich Wohnungen im Einzelverkauf anbiete, habe ich einen niedrigeren Anspruch an Digitalisierung und 3D-Planung, als wenn ich ein Museum bauen und selbst betreiben möchte. Das ist eine Immobilie, die 30 Jahre oder noch länger in meinem Bestand bleibt. Insofern hat es sogar Sinn, dass sich die öffentliche Hand den Fragen der Digitalisierung zuerst stellt.

 

Können wir, dank BIM und einer durchgängigen digitalen Planungskette, bessere Architektur schaffen?
Ich glaube nicht, dass ein Werkzeug, mit dem ich Architektur erzeuge, stets Auswirkungen auf die gedachte Qualität von Architektur hat. Natürlich hat das Medium, mit dem man Dinge erschafft, Auswirkungen auf das Endprodukt. Das ist ja ganz klar. Dass es dadurch aber automatisch besser oder schlechter wird, glaube ich nicht. Es werden sich Dinge durch die Anpassung an die digitalen Prozesse verschieben und verändern.

Bedeutet der Einsatz von BIM denn eine Einschränkung der Kreativleistung des Architekten?
Er bedeutet Veränderungen an verschiedenen Punkten der Planung. Aber ich bin mir darüber hinaus recht sicher, dass sich an Stellen, die wir jetzt noch nicht erkennen oder nicht im Blick haben, neue Möglichkeiten bieten werden.

Das Werkzeug bestimmt also nicht das Ergebnis?
Das Werkzeug hat immer etwas mit dem Ergebnis zu tun! Jedes Werkzeug bietet Möglichkeiten und Beschränkungen. Das ist so. Aber nur auf die Beschränkungen abzuzielen, zu sagen: Deswegen wird jetzt alles ganz schrecklich. Das lässt sich kulturell für die letzten zweihundert Jahre, wo es eine beständige Änderung der Werkzeuge gab, nicht im Grundsatz postulieren.

„Digital – Planen und Bauen“, lautet eines der Leitthemen der BAU 2019. Was erwarten Sie sich von der Messe im Januar, hinsichtlich digitaler Lösungen?
Man könnte sich schon eine Steigerung des Bekanntheitsgrades von BIM und der Möglichkeiten, die die Methodik bietet, erwarten. Daraus resultiert dann hoffentlich ein höheres Interesse auf Bauherrn- und Investorenseite.

 

www.hildundk.de

„Die Interviews führte Tim Westphal, freier Journalist und Fachautor.“

Quwllnachweiß:© Wilfried Dechau