19.09.2019

Interview mit Reinhard Quast zum Thema bezahlbarer Wohnraum

Interview mit Reinhard Quast

„Es wurden schlichtweg zu wenig Wohnungen gebaut“

Mehr als die Hälfte der Deutschen wohnt zur Miete. Das Wohnen, so stellte der 11. Wohnungsbautag kürzlich fest, sei für einen guten Teil der Bevölkerung zur alles entscheidenden sozialen Frage geworden. Vor allem in Großstädten und Ballungsräumen fehle es an bezahlbarem Wohnraum. Das „Verbändebündnis Wohnungsbau“, Veranstalter des Wohnungsbautags, hat deshalb jetzt einen Masterplan gefordert. Wir sprachen darüber mit Reinhard Quast, Präsident des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB).

Reinhard Quast, 62, Diplom-Ingenieur, wurde im November 2018 zum Präsidenten des Zentral­verbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB) gewählt. Quast ist Vorstandsvorsitzender der OTTO QUAST Bau AG. Das mittelständische Unternehmen beschäftigt rund 600 Mitarbeiter an fünf Standorten in Deutschland und Polen. Der ZDB ist mit rund 35.000 Mitgliedern der
größte und älteste Bauverband in Deutschland.

 

Welches sind die zentralen Forderungen des Masterplans?
Ein wichtiger Punkt ist die Bereitstel­lung von neuem Bauland. Die Baulandfrage ist zum Flaschenhals im Wohnungsbau geworden. Das Angebot an Grundstücken, die aktuell und in den kommenden Jahren auf den Markt kommen, wird zunehmend rarer. Fehlendes Bauland und steigende Grundstückspreise – über kurz oder lang droht hier sogar eine „Austrocknung des Marktes“.

Dass es vor allem in Großstädten und Ballungsräumen an bezahlbarem Wohnraum fehlt, ist seit vielen Jahren bekannt. Warum hat sich nichts bzw. zu wenig getan?
Das ist ganz einfach zu beantworten: Es wurden schlichtweg zu wenig Wohnungen gebaut, vor allem im bezahlbaren Bereich bzw. im sozialen Wohnungsbau. Im Rahmen der Föderalismusreform ist die Verant­wortung dafür an die Länder gegangen. Diese erhielten im Zeitraum 2006 bis 2015 jährlich über 500 Mio. Euro für den sozialen Wohnungsbau, danach stieg diese Förderung sogar auf eine Milliarde und am Ende auf 1,5 Mrd. Euro. Nach 2019 wäre eine solche Förderung nicht mehr möglich gewesen. Daher wurde jetzt das Grundgesetz geändert und die jährliche Zuwendung bei 1 Mrd. Euro verstetigt. Auf der anderen Seite haben die wenigsten Länder diese
Gelder tatsächlich für den sozialen Wohnungsbau genutzt; daher fallen heute immer noch mehr Wohnungen aus der Sozial­bindung, als neue hinzukommen.

Die Mieten steigen offenbar unaufhaltsam, die sogenannte Mietpreisbremse scheint bisher weitgehend wirkungslos …
Zunächst einmal steigen vor allem die Mieten bei Neuvermietung bzw. nach einer Sanierung. Hier wirkt letztlich das Prinzip des Marktes: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Die Nachfrage ist in den Ballungsgebieten hoch, das Angebot niedrig. Daher steigt der Preis. Dagegen würde nur helfen, das Angebot zu vergrößern, damit der Preis wieder sinkt. Das Angebot vermehrt sich, wenn Investoren zumindest eine erträgliche Rendite bekommen. Werden die Regeln zu scharf geschnitten, gehen die Investitionen zurück. Die Mietpreisbremse hilft hier wenig, auch weil Mieter froh sind, eine Wohnung zu haben, und nicht gegen zu hohe Mieten vor Gericht gehen.

Bekannte Kostentreiber sind unter anderem die hohen Grundstückskosten und der Mangel an Bauland. Was kann man dagegen tun?
Hier sind vor allem die Kommunen gefordert, aber auch Kirchen, die Deutsche Bahn, die Bundeswehr wie auch der Bund insgesamt, Flächen, über die sie verfügen, für den innerstädtischen Wohnungsbau freizugeben. Die Baulandkommission beim Bundesbauminister hat Anfang des Jahres Vorschläge dafür vorgelegt. Diese Vorschläge sind eine gute Basis, in der Baulandfrage voranzukommen. Sie müssen jetzt schnell umgesetzt werden.

Schnell wirksame Lösungen müssen her. Sind Verdichtung und Geschosswohnungsbau tatsächlich geeignete Maßnahmen, um das Problem kurzfristig in den Griff zu bekommen?
Die Traufhöhen infrage zu stellen und höher zu bauen schafft Fläche im Geschosswohnungsbau und senkt die anteiligen Grundstückskosten je Wohnung. Auch der konsequente Ausbau von Dachböden kann dazu beitragen, in den Innenstädten mehr Wohnungen zu bauen. Die Einbindung der Umlandgemeinden im sogenannten Speckgürtel in ein attraktives Verkehrsnetz (ÖPNV) kann Menschen dazu bringen, auch außerhalb der Zentren zu wohnen und zur Arbeit zu pendeln.

Was heißt eigentlich „bezahlbar“ und wie hoch ist der Bedarf an solchen Wohnungen?
Bezahlbar ist natürlich Definitionssache, in München beispielsweise erscheinen Mieten als bezahlbar, die in einer anderen, gerade ländlichen Region nicht akzeptiert würden. Aber grundsätzlich gilt: Bei bezahlbaren Wohnungen geht man von einer Miete von rund 7,50 Euro pro m² aus, bei Sozialwohnungen sollen die Mieten max. 6,50 Euro/m² betragen. Das Verbändebündnis geht von rund 80.000 fehlenden Sozialwohnungen bundesweit aus.

Trotz des Mangels im sozialen Wohnungsbau: Das Bauen boomt, die Auftragsbücher sind voll. Ist die Bauwirtschaft überhaupt in der Lage, den hohen Bedarf zu decken?
Die Baugenehmigungen sind in diesem Frühjahr erstmals seit Jahren gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Damit deutet sich an, dass der Höhepunkt des Baubooms erreicht sein könnte. Entgegen manch öffentlicher Äußerung ist die mittelständische Bauwirtschaft, die rund 90 Prozent des gesamten Wohnungsbaus in Deutschland erbringt, sehr wohl in der Lage, den Bedarf zu decken, auch ohne serielles Bauen. Denn unsere Unternehmen haben in Personal und Geräte investiert. Die konjunkturelle Abkühlung wird auch Baukapazitäten aus dem Bau von Gewerbe- und Handelsflächen freisetzen. Insgesamt arbeiten in der Branche mittlerweile wieder rund 850.000 Menschen und unsere Mittelständler bilden wieder mehr aus. Wir verzeichnen seit einigen Jahren einen deutlichen Anstieg der neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse.