08.11.2018

NATIONAL KAOHSIUNG CENTER FOT THE ARTS, Wei-Wu-Ying

Digital: Planen und Bauen
Vernetzt: Wohnen und Arbeiten
Integral: Systeme und Konstruktionen
Smart: Licht + Gebäude

…das sind die Leitthemen der BAU 2019. Zu jeden dieser Themen stellen wir Ihnen in einer vierteiligen Serie ein aktuelles Bauprojekt vor. Die beteiligten Architekten und Verarbeiter bzw. Ausführende schildern in Doppel-Interviews die besonderen Herausforderungen der Projekte und die Art ihrer Zusammenarbeit.
Den Anfang macht zum Leitthema „Wohnen und Arbeiten das „Merck Innovation Center“ in Darmstadt. Architekt Martin Henn und Akustik-Berater Thomas Goldammer stellen das Projekt vor.
Im zweiten Teil der Serie stellen Jan Musikowski (Architekt) und Dirk Büttner (Axiotherm GmbH) das Futurium in Berlin vor.
Der dritte Teil unserer Serie beschäftigt sich mit der Moschee in Cambridge. Gemma Collins (Architektin) und Jephtha Schaffner (Projectleiterin Bluhmer-Lehmann AG) sprechen über ihre Zusammenarbeit.
Im vierten Teil und letzten Teil unserer Serie stellen Friso van der Stehen (Mecanoo architecten) und Allard Bokma (CIG Architecture) das National Arts Center in Taiwan vor.

Am 13. Oktober 2018 wurde das National Kaohsiung Center for the Arts (Weiwuying) in Kaohsiung City, Taiwan, eröffnet. Der vom niederländischen Architekturbüro Mecanoo entworfene Theaterkomplex befindet sich auf einem ehemaligen Militärgelände im Wei-Wu-Ying Metropolitan Park. Das 141.000 Quadratmeter große Gebäude umfasst vier Aufführungsräume mit mehr als 5.800 Sitzplätzen: eine Oper mit 2.256 Sitzplätzen, eine Konzerthalle mit 1.981 Sitzplätzen, ein Schauspielhaus mit 1.210 Sitzplätzen und eine Konzerthalle mit 434 Sitzplätzen. Zudem verbindet ein Außentheater das Gebäude direkt mit dem Park. Im Gebäude sind außerdem eine Bibliothek, Proberäume für Musik und Tanz, zwei Hörsäle, Werkstatträume für Bühnenbilder, Umkleideräume, Be- und Entladerampen für Lastwagen und Parkplätze für 600 PKWs.
Der markanteste Aspekt von Weiwuying ist dessen Präsenz im Park als wellenförmige Fläche, die als überdachter Freiraum in das Gebäude hineinführt: Banyan Plaza. Inspiriert von den lokalen Banyan-Bäumen, die sich zu durchgehenden Vordächern zusammenschließen, fließt das Dach des Gebäudes wie ein Blätterdach und spendet den Besuchern des Platzes Schatten. Die komplexen Geometrien des großzügigen Gebäudes – das weltweit größte Zentrum für darstellende Kunst unter einem Dach – führten dazu, dass Mecanoo gemeinsam mit niederländischen und lokalen Schiffbauern an der gekrümmten Stahlkonstruktion arbeitete. Das ist durchaus einleuchtend, denn mit rund 160 Metern Breite und 225 Metern Länge ist das Gebäude etwa so groß wie ein Frachter.
Um mehr über das Gebäude und die Zusammenarbeit zu erfahren, haben wir Friso van der Steen von Mecanoo und Allard Bokma von CIG Architecture interviewt, die gemeinsam an der Gebäudehülle aus Stahl arbeiteten.

Es ist augenscheinlich, dass dieses Projekt – insbesondere seine Form und das Tragwerk – etwas besonderes ist, nämlich das Ergebnis einer soliden Beziehung zwischen Architekt und Verarbeiter. Was hat Ihre Zusammenarbeit ausgemacht?
Friso van der Steen (Mecanoo): Es war eine sehr interessante Zusammenarbeit, die es ermöglichte, durch Kooperation innovativ zu sein. Wir haben die Bereiche Hochbaukonstruktion und Schiffbautechniken zusammengeführt.

Allard Bokma (CIG Architecture): Die Zusammenführung unserer Schiffbautechniken zu Architekturprojekten hat auch die Entwicklung zukünftiger Kunst- und Architekturprojekte ermöglicht, an denen wir heute beteiligt sind.

Haben Sie zuvor bereits bei einem Projekt zusammen gearbeitet? Wie kam Ihre Kooperation zustande?
Mecanoo: Wir haben nie mit der Schiffbauindustrie zusammengearbeitet, aber unser Entwurf zwang uns, über die üblichen architektonischen Produkte, Materialien und Techniken hinauszuschauen. In der Schiffbauindustrie werden doppelt gebogene, nahtlose, durchgehende, Sonderformen in einem kostengünstigen Verfahren hergestellt.

CIG Architecture: Obwohl wir bisher noch nicht zusammengearbeitet hatten, untersuchten wir bereits die Einsatzmöglichkeiten dieser Technologie in anderen Märkten als dem Schiffbau.

Erzählen Sie uns bitte eine kleine Anekdote aus Ihrer Zusammenarbeit, etwas Einzigartiges, das aus Ihrer Zusammenarbeit entstanden ist.
Mecanoo: Die Denkweise im Schiffbau ist völlig anders als im Architekturbereich. Nur ein Beispiel: Im Schiffbau sind sie es gewohnt, mit absoluter Genauigkeit zu arbeiten, null Toleranzen. Das müssen sie, denn sonst würde das Schiff sinken! In der Architektur gibt es immer Toleranzen, Dehnungen, Dehnungsfugen, etc.

CIG Architecture: Die erste Reaktion der lokalen Schiffbauunternehmen in Taiwan, Ching Fu, war eher zurückhaltend: „Ist das realistisch, geht das überhaupt?“ Ich kann nur sagen, es ging.

Mit welchen Entwurfsideen wenden Sie sich an die Verarbeiter Ihrer Projekte, sei es dieses oder ein anderes?
Mecanoo: Wir wollen sie herausfordern, über das hinaus zu denken, was sie normalerweise gewohnt sind zu tun. In diesem Fall war der Verarbeiter sehr enthusiastisch und ehrgeizig. Was für uns auch wichtig ist, dass wir von ihnen Neues lernen wollen. Das inspiriert uns dann zu neuen Entwurfsgedanken.

Allard Bokma, CIG Architecture, Groningen ,Senior Sales Manager, At CIG since 2007

Education: Bachelor of Education/Civil Engineering

 

 

Friso van der Steen

Mecanoo, Delft

Technical Director/Director International Projects

At Mecanoo since 1999

Professional Qualifiations: Architectural Engineer, HTS Building Design, Haarlem, NL

 

Welche Eigenschaften sind Ihnen bei einem Bauunternehmer für Ihre Projekte wichtig?
Mecanoo: Wir wollen, dass sie ehrgeizig und engagiert sind.

An welchem Punkt des Planungsprozesses möchten Sie die Verarbeiter für spezielle Aufgaben, wie die gebogene Stahlkonstruktion dieses Projekts, einbeziehen?
Mecanoo: So bald wie möglich. In diesem Fall habe ich sie unmittelbar nach dem Gewinn des Wettbewerbs kontaktiert. Es dauerte sehr lange, bis alle Beteiligten überzeugt waren. Je früher der Verarbeiter einbezogen werden konnte, desto besser.

Zu welchem Zeitpunkt der Planung werden Sie normalerweise zu einem Projekt hinzugezogen?
CIG Architecture: Oftmals sind wir sehr früh in Projekte eingebunden, während der Wettbewerbsphase, um den Architekten Ideen und Empfehlungen zum Konzept und zur Bauausführung sowie zu Budgetschätzungen zu geben.

Mit welcher Idee bzw. mit welchen Vorstellungen kommen Architekten/Planer normalerweise zu Ihnen? Wie oft sind Ideen dabei, die als Sonderfall gelöst werden müssen?
CIG Architecture: Manchmal ist die Frage des Architekten einfach: „Könnt ihr euch vorstellen, wie man das bauen kann?“ Außerdem erwarten Architekten von uns weitere Inspiration, so dass wir, wie bei diesem Projekt, gemeinsam an den Konzepten und Entwürfen der Architekten arbeiten. In vielen Projekten werden ähnliche Ansätze verfolgt (z.B. eine tragende Gebäudehülle), jedoch liegen jeder Aufgabe eigene Prinzipien zugrunde.

Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Architekten?
CIG Architecture: Aufgeschlossenheit und kreatives Denken über den Tellerrand hinaus.

Wie reagieren Gebäude und Tragwerk auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen vor Ort (Kultur, Klima, soziale Verhältnisse, usw.)?
Mecanoo: Die Außenhaut aus Stahl bietet einen sehr großzügigen, überdachten Außenbereich, den Menschen rund um die Uhr nutzen können. Es bietet sowohl Schatten als auch Regenschutz und schafft dabei ein sehr angenehmes „Mikroklima“. Außerdem fungiert die Außenhaut als „weiße Leinwand“, die für Projektionen verwendet werden kann, um den Raum jeden Tag anders zu „kleiden“.

CIG Architecture: Überhaupt ist die Außenhaut ganz eigenen Einflussfaktoren ausgesetzt, wie z.B. Wärmeausdehnung, Erdbeben, Winddruck, etc. Diese werden alle im technische Design berücksichtigt, was z.B. an den beweglichen Verbindungen zur beeindruckenden Sekundärstruktur der Hülle sichtbar wird.

 

Was war die größte Problemstellung bezüglich des Tragwerks und wie haben Sie diese spezifische Lösung gefunden? Warum haben Sie dieses bestimmte System am Gebäude eingesetzt?
Mecanoo: Der Winddruck und die Sogwirkung waren eine besondere Herausforderung. Wir haben die Außenhaut mittels Pendelstangen mit starken Federn befestigt. Die Federn können sowohl Sog als auch Druck aufnehmen.

Welche Veränderung hat das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk erfahren?
Mecanoo: Weder das Konzept noch die Form haben sich verändert, und das ist wirklich eine Errungenschaft.

CIG Architecture: Ein Aspekt, der durch die Technik bestimmt wurde, war die Begrenzung der Paneele. Die sichtbaren Schweißlinien und Paneelanordnungen wurden später in Zusammenarbeit mit Mecanoo entwickelt.

In welchen Bereichen haben Energieverbrauch und -bauweise das Gebäude stark beeinflusst?
Mecanoo: Das Haupttragwerk des Gebäudes besteht aus Beton (unterirdische Geschosse) und Stahl (oberirdische Geschosse). Die Außenhaut aus Stahl ist an der Hauptstahlkonstruktion aufgehängt. Die Stahlhaut ist 6 mm stark, was etwas dicker ist als ein herkömmliches Fassadenverkleidungssystem und somit etwas schwerer. Dieses zusätzliche Gewicht hatte keinen Einfluss auf die Abmessungen des Haupttragwerks, da dieses erdbebensicher dimensioniert worden war.

CIG Architecture: Die Außenhaut ist zwar dickwandiger, aber das bedeutet auch weniger Konstruktion und weniger Verbindungspunkte zum Hauptragwerk.

Weiwuying

Weiwuying

Gab es spezielle Eigenschaften des Tragwerks, die besondere Sorgfalt bei der Planung und Konstruktion erforderten?
Mecanoo: Da sich die Schiffsbautechnik von der Bauweise im Hochbau unterscheidet, war es ein langer Prozess, diese beiden Herangehensweisen aufeinander abzustimmen. In Taiwan werden Gebäude in konstruktiver Hinsicht für Erdbeben und Taifune dimensioniert, während Schiffe für die größten Stürme ausgelegt sind.

CIG Architecture: Während der Planung dieses Projekts verwendeten wir Schiffbau-Software, die auf der Schiffbausimulation basiert, die der lokale Partner Ching Fu verwendete. Zur Kommunikation mit Mecanoo nutzten wir Rhino, das wir mehr und mehr als Basis-Software-System bei CIG Architecture einsetzen.

 

Weiwuying Photographs by Iwan Baan