19.09.2019

Ohne Sand kein Beton

Interview mit Ulrich Nolting und Martin Möllmann

„Das gibt es doch wie Sand am Meer“ ist ein geläufiges Sprichwort. Dabei ist Sand ein knappes Gut. Die kleinen Quarzkörnchen sind gleich nach Wasser der am meisten verbrauchte natürliche Rohstoff. Ein Grund dafür ist der weltweite Bauboom. Denn ohne Sand gibt es keinen Beton. Wir sprachen mit Ulrich Nolting und Martin Möllmann über den Verbrauch und die Beschaffung von Sand sowie mögliche Alternativen.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen schlägt Alarm. Weltweit wird der Sand knapp. Wie sieht es in Deutschland aus?
Nolting: Sand ist ja nur die Bezeichnung für ein Sediment mit einer Korngröße zwischen 0,063 und 2 mm. Grundsätzlich kann Sand aus allen denkbaren Mineralien bestehen. Wir unterscheiden hier zwischen Bausanden und Industriesanden wie Quarzsand. Bausand ist im Gegensatz zu Quarzsand in ganz Deutschland flächenhaft verbreitet, von wenigen regionalen Ausnahmen abgesehen. Leider gibt es alle möglichen Arten von Auflagen und Beschränkungen. Das Problem liegt also nicht in der Verfügbarkeit, sondern in den Rahmenbedingungen. Hier ist insbesondere die Politik gefordert.

Wie viel Sand braucht man für einen Kubikmeter Beton?
Möllmann: Beton besteht aus groben und feinen Gesteinskörnungen, Zement und Wasser. Gewichtsmäßig haben die groben Gesteinskörnungen wie zum Beispiel Kies oder Splitt den größten Anteil. Gleich danach kommen die feinen Gesteinskörnungen, das ist der Sand. Um einen Kubikmeter Beton zu produzieren, benötigt man rund 700 kg Sand (trocken, ohne Eigenfeuchte).

Woher bezieht die Firma Dyckerhoff ihren Sand?
Möllmann: Dyckerhoff betreibt in Deutschland und den Benelux-Ländern Transportbetonwerke, davon allein in Deutschland rund 110 Anlagen. Wo immer es möglich ist, verwenden wir lokale Sande. In unseren Kernmärkten, wie zum Beispiel der Rhein-Main-Region, verfügen wir über eigene Rohstoffvorkommen. Parallel arbeiten wir mit unserem Wilhelm-Dyckerhoff-Institut daran, Abbruch- und Recyclingmaterial so aufzubereiten, dass es in unseren Betonrezepturen eingesetzt werden kann. Die Lieferung der Sande ins Transportbetonwerk erfolgt meist über die Straße. Für unsere Werke im Rhein-Main-Gebiet und im Emsland spielt aber auch das Binnenschiff als Transportmittel eine wichtige Rolle.

Gibt es bei Ihnen bestimmte Umweltstandards, was die Beschaffung von Sand angeht?
Möllmann: Beim Abbau von Sand ist die Bindung durch die Gesetzeslage in den jeweiligen Bundesländern sehr eng. Hier spielen vor allem lokale Naturschutz- und Wassergesetze eine Rolle. Jeder Sandabbau richtet sich nach den Genehmigungen vor Ort. Der Bedarf scheint enorm. Allein für die Hamburger Elbphilharmonie sind angeblich 63.000 Kubikmeter Beton verbaut worden …
Nolting: … und mit diesem Beton ist ein Wahrzeichen entstanden, das Hamburg mittlerweile prägt. Eine Ikone der Architektur. Der sinnvolle Einsatz von Ressourcen ist immer dann nachhaltig, wenn diese langfristig genutzt und anschließend recycelt, also wieder­verwendet werden können. Bei einer Lebensdauer von Gebäuden von 80 Jahren und mehr ist das so. Insofern sind die rund 44.000 Tonnen Sand bei der Elbphilharmonie erstklassig eingesetzt.

Der Bedarf scheint enorm. Allein für die Hamburger Elbphilharmonie sind angeblich 63.000 Kubikmeter Beton verbaut worden …
Nolting: … und mit diesem Beton ist ein Wahrzeichen entstanden, das Hamburg mittlerweile prägt. Eine Ikone der Architektur. Der sinnvolle Einsatz von Ressourcen ist immer dann nachhaltig, wenn diese langfristig genutzt und anschließend recycelt, also wiederverwendet werden können. Bei einer Lebensdauer von Gebäuden von 80 Jahren und mehr ist das so. Insofern sind die rund 44.000 Tonnen Sand bei der Elbphilharmonie erstklassig eingesetzt.

Wie viel Sand braucht Dyckerhoff im Jahr?
Möllmann: Im Jahr 2018 produzierte Dyckerhoff in Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden rund 4,5 Mio. Kubikmeter Beton. Dafür waren rund 3,2 Mio. Tonnen Sand erforderlich.

Sand ist nicht gleich Sand. Zu feiner Sand, etwa Wüstensand, ist für die Herstellung von Beton offenbar nicht brauchbar …
Nolting: Das ist richtig. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 95 Prozent des weltweit vorhandenen Sands nicht für industrielle Zwecke infrage kommen. Wüstensand zum Beispiel ist für die Ver­arbeitung im Beton nicht geeignet, da er durch Wind und Wetter zu rund geschliffen ist. Aktuelle Forschungen beschäftigen sich aber mit diesem Thema und wir schließen nicht aus, dass es auch in diesem Bereich in Zukunft innovative Lösungen und Anwendungen gibt.

Gab es schon mal Probleme bei der Beschaffung?
Möllmann: Probleme gab und gibt es nur hinsichtlich der Logistik. Im trockenen Sommer 2018 führten viele Flüsse monatelang Niedrigwasser. Auf dem Rhein und anderen Wasserwegen konnten die Schiffe zum Teil gar nicht oder nur mit reduzierter Ladung fahren. Da wir einen Teil der Sandversorgung unserer Transport­betonwerke über den Wasserweg organisieren, konnten einige unserer Werke phasenweise nur eingeschränkt oder zu deutlich höheren Kosten pro­duzieren. Ein Teil der Logistik musste vorübergehend auf die Straße verlagert werden. Und damit sind wir bei einem allgegen­wärtigen Problem in der Beschaffung: Die Speditionen haben große Probleme, geeignete Lkw-Fahrer zu finden. Es kommt deshalb beim Transport von Gütern immer häufiger zu Engpässen, was sich auch auf die Versorgung mit Sand auswirken kann.

Bauschutt recyceln – ist das eine Alternative zum natürlichen Sandabbau?
Nolting: Heutzutage werden mineralische Bauabfälle nahezu vollständig rezykliert, also wiederverwertet und im Stoffkreislauf gehalten. Rezyklierte Gesteinskörnung kommt verstärkt auch im Beton zum Einsatz. Dank der 2017 erschienenen Normen (DIN 4226-101 und -102) entfällt das umständliche Prozedere einer allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung oder die sogenannte Zustimmung im Einzelfall für die Umweltverträglichkeit. Wir müssen die Kirche aber im Dorf lassen. Unsere Bauaufgaben der Zukunft werden wir nicht ausschließlich mit Recyclingmaterial bewältigen können.

Wird an Betonen geforscht, für die man keinen Sand braucht?
Nolting: Wir forschen bei den Betonen der Zukunft in alle Richtungen, natürlich auch an den Möglichkeiten, die Menge des Sandes im Beton zu optimieren.

 

Ulrich Nolting ist seit April 2015 Geschäftsführer der InformationsZentrum Beton GmbH. Der gelernte Stahlbetonbauer hat zwei Studiengänge abgeschlossen, einen für Werbetechnik und Werbewirtschaft (Dipl.-Wirt.-Ing.) sowie einen für Internationales Marketing (Dipl.-Exp.-Wirt). Nach Stationen in Werbeagenturen und Druckereien war er von 1995 bis 1999 Assistent des Geschäfts-führers und von 2000 bis 2001 Prokurist bei der Südwest Zement GmbH. 2002 wurde er Geschäfts-führer der Beton Marketing Süd GmbH.

 

Martin Möllmann ist bereits seit 1991 für Dyckerhoff in verschiedenen Positionen tätig. Heute ist er als Direktor verantwortlich für die Bereiche Produktmarketing und den Vertrieb von Spezialzemen-ten – vor allem Dyckerhoff Weiss und CSA-Zementen – im Geschäftsbereich Deutschland /Westeuropa. Der diplomierte Bau- und Wirtschaftsingenieur engagiert sich zudem ehrenamtlich für die Berufsausbildung in der Betonbranche und ist Vorstandsmitglied
der Informationsgemeinschaft Betonwerkstein e.V.

 

Titelbild ©Hauke Hass