19.09.2019

Schöner wohnen in Berlin?

Ein Erfahrungsbericht über den Mietmarkt der Bundeshauptstadt

Vollgepackt bricht der Umzugs-Lkw Richtung Berlin auf. Aus drei Umzugskisten, mit denen ich vor 17 Jahren in München ankam, wurden über 33 Kubikmeter. Jetzt also Berlin. Nach 6.200 Tagen im beschau­lichen München, mit Frau, Familie, Freunden und Job, geht es in die pulsierende Hauptstadt.

Berlin war irgendwie immer eine Option, doch nie eine ernsthafte Alternative. Wir hatten uns gut eingefunden in München. Freundschaften entstanden, vor einigen Jahren kauften wir unsere Mietwohnung. Der jobbedingte Umzug nach Berlin kam daher fast ungeplant und irgendwie plötzlich. Aber dennoch nicht unpassend oder unerwünscht. Zumindest so lange, bis es darum ging, eine gute und bezahlbare Wohnung zu finden. „Das war ja nie ein Problem“, hatte ich im Hinterkopf. Berlin, so das gängige Klischee, war schon immer günstig. Die Wohn- und Lebenshaltungskosten in der Stadt gelten allgemein als überschaubar. Mit einem guten Gehalt sollte man dort doch einen sorgenfreien Alltag führen können, oder?

Doch dem ist nicht mehr (ganz) so. Berlin kämpft wie viele Ballungs­zentren mit einem massiven Zuzug, fehlendem günstigen und bezahlbaren Wohnraum und mit Immobilienspekulation. Das selbst zu erfahren war ungewohnt. Nachdem wir über viele Jahre keine Wohnung mehr gesucht hatten, erwischten uns die Berliner Mietpreise und die laut sowie emotional geführte Wohnraum-Diskussion der Berliner mit Wucht.

Der Berliner Wohnungsmarkt ist seit jeher heterogen. In keiner anderen deutschen Stadt ist die „Kiez“-Kultur ausgeprägter, sind die Unterschiede zwischen West und Ost, Arm und Reich so erlebbar wie in Berlin. Das zeigt sich auch an der Preisentwicklung für Wohnraum: Neue Prestigeprojekte wachsen in Friedrichshain aus dem Boden, umringt von maroden Altbauten. Hier treffen 4,50 Euro Kaltmiete im unsanierten Hinterhaus auf 25,50 Euro im stilsicheren Neubauprojekt.

Aus: IBB Wohnungsmarktbericht 2018
Aus: IBB Wohnungsmarktbericht 2018

Die Website immowelt.de weist bei Neuvermietungen (Stand Juni 2019) im Stadtbezirk Kreuzberg-Friedrichshain eine Preisspanne von 10,85 Euro bis 25,28 Euro aus. In einer Stadt wie Berlin, wo knapp ein Fünftel aller Einwohner und knapp ein Drittel der Kinder unter 18 Jahren im Jahr 2015 von Transferleistungen lebten (Quelle: Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland, Paritätischer Gesamtverband 2017), scheinen solche Preise ebenso utopisch wie unverhältnismäßig. Erst recht im linken Kreuzberg, das als Arbeiterviertel stets günstigen Wohnraum für alle bot.

Das alles war mir theoretisch klar. Um die Osterzeit wurde in Tages­zeitungen und im Fernsehen auch täglich darüber berichtet. Und
unmittelbar vor der Europawahl liefen die Diskussionen um das Volks­begehren „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ erneut heiß. So
gestaltete sich die Wohnungsfindung in Berlin trotz Mietpreisbremse und gutem (aber undurchsichtigem) Angebot schwerer als gedacht. Wir suchten über gängige Online-Portale und legten Nutzer-Accounts an. Makler wollten wir nicht. Wichtig für die Profile war unter anderem die Angabe der persönlichen Einkommensverhältnisse. Das räumte zumindest eine der Plattformen ganz offen ein: „Damit steigern Sie Ihre positive Wahrnehmung beim Vermieter gegenüber anderen Bewerbern enorm“, hieß es da sinngemäß. Auch die persönliche Selbstauskunft ließ sich online in fünf Minuten erledigen.

Dann ging es an die Sichtung des Angebots. Vieles fiel aus, einiges gefiel. Das ist sicher nichts Berlin-Spezifisches, aber dennoch erwähnenswert: Wir nutzten die ersten Tage in der Stadt, wo wir uns bei einer Freundin einmieten durften, zum Erkunden der Stadtteile. Die Wohnungen selbst schauten wir meist noch nicht an. Was uns ansprach, erkundeten wir zuerst in Hinblick auf Stadtteil und Lage. Das sparte viel Zeit, denn damit fiel bereits ungefähr die Hälfte der Objekte für eine Besichtigung aus. Zum Beispiel, weil das Wohnhaus an einer vierspurigen Bundesstraße mit oberirdischer U-Bahn lag, die Kneipendichte in der Straße trotz Durst zu groß oder die Anbindung an den ÖPNV eingeschränkt war. Auf diese Weise lernten wir in Berlin authentische Ecken kennen, die wir sonst nie entdeckt hätten.

Wohnungsbesichtigungen werden auch in Berlin meist zu Sammelterminen mit anderen Interessenten vergeben. Wer dann nicht vor Ort oder durch Termin verhindert ist, hat schlichtweg Pech. Weitere Termine gibt es in der Regel nicht. Für uns war es jedenfalls eine ungewohnte Erfahrung, gemeinsam mit 30 anderen hippen Paaren hinauf in den fünften Stock in eine komplett bewohnte Altbauwohnung an der Frankfurter Allee zu joggen. Neben Kurzatmigkeit nach dem Erreichen des Dachgeschosses stellte sich schnell Ernüchterung ein: viel zu klein. Die Fotos im Internet, geschossen mit einem Weitwinkelobjektiv, hatten einmal mehr Größe suggeriert; die angegebenen Quadratmeter waren, vorsichtig gesagt, großzügig aufgerundet.

Auf unzureichende oder falsche Angaben zu den inserierten Wohnungen stießen wir immer wieder während der Wohnungssuche. Und es
manifestierte sich ein Grundsatz: je günstiger die Wohnung, desto mehr Einschränkungen bei der Wohnungsqualität, dem Umfeld (Kiezqualität) und der Anbindung an den Nahverkehr. Auch nahmen wir Abstand von Angeboten, bei denen man den Vermieter mittels Motivationsschreiben von seiner Eignung als Mieter überzeugen sollte. Mietverträge, in denen nach Ablauf von zwölf Monaten die Kaltmiete von 950 auf fast 2.000 Euro steigen sollte, legten wir ebenfalls beiseite.

Die Wohnungssuche nahm trotzdem ein positives Ende. Wir wohnen seit neuestem im so gar nicht angesagten und gern als spießig titulierten Charlottenburg – wider die Hipster-Ströme in der Hauptstadt. Mietpreis, Wohnungsgröße, Nachbarschaft und Anbindung passten einfach – selbst wenn die Wohnung im vierten Stock eines Altbaus liegt, ohne Aufzug. Jetzt müssen nur noch alle Umzugskartons den Weg in
die Regale und Schränke finden. Dann können wir auch endlich mental ankommen im rastlosen Berlin.

Von Tim Westphal, freier Journalist und Fachautor

 

 

Faktencheck BERLIN

  • Einwohnerzahl (2017): 3.613.495
  • Zahl der Haushalte (2017): 2.002.900
  • Fertiggestellte Neubauwohnungen (2017): 22.315
  • Neubaubedarf an Wohnungen bis 2030: 194.000
  • Wohnungsbestand (2017): 1.932.296
  • Darunter Mietwohnungen: 1.638.800
  • Darunter Sozialmietwohnungen: 103.441
  • Mittlere Angebotsmiete, Bestand (2018): 10,32 Euro/m² netto kalt
  • Mittlere Angebotsmiete, Neubau (2018): 14,04 Euro/m² netto kalt
  • Mittlere Angebotsmiete, Innenstadtbereich: 12,00 Euro/m² netto kalt
  • Umwandlung von Mietwohnungen in Wohneigentum (2017): 16.548 (fast jede hundertste Mietwohnung)
  • Durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen 2017: 2.025 Euro/Monat
  • Zahl der Haushalte, die einen Wohnberechtigungsschein (WBS) beantragen dürfen: 831.300
  • Zahl der Haushalte, die einen WBS besitzen (Ende 2018): 43.415

Quelle: IBB Wohnungsmarktbericht 2018