01.04.2018

Interview mit Ulrike Brandi zum Thema Licht in der Architektur

Das Thema Lichtkonzept spielt eine immer größere Rolle im Gesamtkonzept eines Gebäudes. In ihrem neuen Ausstellungsbereich Licht/Smart Building verbindet die BAU das Thema Licht mit dem Thema Gebäudeautomation. Es geht um Lichtlenkung, Lichtsteuerung, Lichtkonzepte, Tageslicht versus Kunstlicht. Mit der renommierten Lichtplanerin Ulrike Brandi, Gründerin und Geschäftsführerin von „Ulrike Brandi Licht“ in Hamburg, unterhielten wir uns über die Arbeit des Lichtplaners resp. der Lichtplanerin. Wie hat sie sich im Zuge der Digitalisierung verändert, welche Bedeutung kommt dem Lichtplaner/der Lichtplanerin heute und künftig zu?

Architekten planten damals meist nur mit dem Sonnenlicht und schrie­ben dem Kunstlicht die Rolle zu, in der Dunkelheit zu erhellen. Wie haben Sie in den frühen Jahren Architekten und Bauherren davon über­zeugt, dass eine gezielte Kunstlichtplanung für ein Gebäude wichtig ist?

Meine Lieblingsarchitekten sind die, die für natürliches Licht sensibel sind. Schließlich hat man es nicht nur mit dem prallen Sonnenlicht zu tun, sondern mit auch weichem, diffusem Licht, der Stimmung beim Sonnenuntergang oder mit Mondlicht. Mit der Begeisterung für diese Erscheinungen können Architekten zusammen mit Lichtplanern auch im Kunstlicht brillante, weiche, frische oder romantische Stimmungen in Räumen planen.

Ein guter Planungspartner ist der, der früh ins Projekt einsteigen und mitgestalten kann. Das gilt für die Lichtbranche, wie Sie sie betreiben, vielleicht umso mehr, da für Sie Kunst- und Tageslicht eine Einheit darstellen. Wie bzw. wann hat sich diese Erkenntnis in der Baubranche spürbar durchgesetzt?

Da waren sogar immer die Architekten der Motor! Sie haben uns schon früh in Wettbewerbe mit einbezogen. Wir sitzen dann an einem Tisch und entwerfen, spinnen, verwerfen, lernen mit viel Spaß voneinander und durchleben Anstrengungen und Erfolgserlebnisse. Das beflügelt.

Le Corbusier hat in „Vers une architecture“ geschrieben: „Architektur ist das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper.“ Auch wenn er damit das natürliche Licht meinte, war sein Umgang mit Licht auch für folgende Planergeneratio­nen Vorbild. Welche Inspirationsquellen hat man heute als Lichtplaner?

Das ist ein großer Satz von Le Corbusier und der gilt immer noch. Das Tageslicht, die Natur ist meine größte Inspirations- und auch Genussquelle. Als Tochter einer Fotografin habe ich beim Fotografieren die Fotoleuchten gehalten und in der Dunkelkammer das langsame Erscheinen des Bildes auf dem Fotopapier erlebt – das war magisch. Als Tochter eines Architekten lernte ich viel über die spezifische Lichtstimmung einer Landschaft.

Heute steht die Planung von Licht definitiv an einer Schwelle, ange­trieben durch die Digitalisierung von Gebäuden hin zum komplexen Smart Building mit allen technologischen Möglichkeiten. Welchen Ein­fluss hat das auf Ihre Entwurfsarbeit?

Alles einzubeziehen, was technisch möglich ist, ist ein Irrweg. Es geht doch darum, weiterhin schöne, angenehme und menschenfreundliche Lichträume zu schaffen und die einfach bedienen, unterhalten und eventuell verändern zu können. Die Digitalisierung von Gebäuden gibt die große Chance, Licht in Gebäuden effizienter und differenzierter zu betreiben und den Anteil des Tageslichtes zu erhöhen, wie wir es in dem Projekt Elbphilharmonie Hamburg gezeigt haben.

Smart City, Smart Building, Digitalisierung – was noch vor kurzem wie Zukunftsmusik klang, ist heute Realität: Die Lichtplanung ist ein wichtiger Teil in der integralen Gebäudeplanung, der zudem viele Be­reiche flankiert, etwa die Gebäudeautomation. Muss man in der Lichtplanung heutzutage also auch IT-Fachmann oder -frau sein?

Das ist wie bei den Ärzten: Neurologen und Gastroenterologen haben ein gemeinsames medizinisches Grundwissen, ein gemeinsames Vokabular. Sie pflegen den Dialog, wenn sie die Behandlung eines speziellen Patienten entwickeln. Später erklären sie dies in der Laiensprache dem Patienten. Wir Lichtplaner sollten dementsprechend die Sprache, Funktionsweise und Struktur digitaler Steuerungssysteme kennen, denn wir definieren für die von uns entworfenen Licht­szenarien die Anforderungen.

Frau Brandi, Sie gründeten Ihr Planungsbüro „Ulrike Brandi Licht“ im Jahr 1986, in einer Zeit also, in der Lichtplanung eher vom Elektro­installateur erledigt wurde. Welches Arbeitsumfeld ist Ihnen damals begegnet? Gab es Vorurteile, mit denen Sie zu kämpfen hatten?

Es gab verschiedene Reaktionen auf mich als Lichtplanerin. Die Architekten haben sich oft für meine Beauftragung eingesetzt. Sie freuten sich, auch Fachleute im Planungsteam zu haben, mit denen sie über Gestaltung und Atmosphäre sprechen können. Die Bauherren traten mir mit Interesse entgegen, viele Elektroingenieure testeten erst einmal mein Elektrotechnikwissen aus. Nach bestandener „Prüfung“ respektierten sie mich dann aber.

All das bedingt auch eine gute und umfassende Ausbildung zukünftiger Lichtplaner. Welche Möglichkeiten hat man, um Lichtplaner werden zu können, bzw. welche Ausbildungswege sind möglich und nötig?

Ein guter Lichtplaner wird nur, wer mit Offenheit, Neugier und Beobachtungslust durchs Leben geht. Um zum Beispiel Produkte wie Leuchten, Tageslichtsysteme und Steuerungen kritisch bewerten zu können, braucht der Lichtplaner neben gestalterischen Fähigkeiten ein sich ständig erneuerndes technisches Wissen. LEDs und ihre Betriebsgeräte unterliegen immer noch einer rasanten technischen Entwicklung. Die Dimensionierung, Kompatibilität und Komplexität einer Steuerung bestimmt ihren Preis und ihre Anwendungsmöglichkeiten in Gebäuden. Halbwissen würde uns zum Spielball kommer­zieller Interessen machen.

Als erfahrener Hase sind Sie seit einigen Jahren auch ausbildend tätig, mit Ihrem eigenen „Brandi Institute for Light and Design“. Was lehren Sie Ihren Schülern, was gutes Licht und eine gute Tages- und Kunstlichtplanung ausmacht?

Am Brandi Institute for Light and Design vermitteln wir die Verzahnung von Gestaltung, Technik und Planungsprozess. Wir lehren, wie gut es ist, eine Berechnung mit der sinnlichen Erfahrung eines beleuchteten Raums abzugleichen, die Dynamik und Geometrie des Tageslichtes zu verstehen, die Interaktion zwischen Lichtquelle, Materialoberflächen und dem menschlichen Auge zu erfahren und die eigene Kompetenz respektvoll und klar in ein Planungsteam einzubringen.

In gut 30 Jahren hat sich der Umgang mit dem Licht im Gebäude stark verändert, nicht zuletzt durch die Vernetzung und Digitalisierung. Mit welchen Herausforderungen werden sich die Lichtplaner künftig beschäftigen? Wohin wird die Reise des Lichtdesigns künftig gehen?

Tageslicht, Tageslicht, Tageslicht! Tageslicht ist einer der Schlüssel, den so strapazierten Aspekt der Nachhaltigkeit auch wirklich realisieren zu können. Die derzeit notwendige Verdichtung der Städte verlangt nach vernünftiger Tageslichtplanung. In Bezug auf das künst­liche Licht wird die „Leuchte“ als monofunktionaler und eigenständiger Apparat unbedeutender, Lichtquellen stecken schon heute in (fast) allen anderen Geräten. Die Herausforderung an uns Lichtplaner ist, das Qualitätsbewusstsein für Licht, das Genießen von gutem Licht zu stärken – im Grunde wie bei einem guten Essen.


„Wir schaffen eine angenehme, dem Gebäude und seiner Funktion entsprechende schöne Atmosphäre. Unsere ‚Kunst‘ ist es, Licht wie selbstverständlich in Gebäude zu integrieren und dafür eine angemessene, energieeffiziente und moderne Technik einzusetzen“, sagt Ulrike Brandi. In über 30 Jahren planerischer Tätigkeit hat sie in ihrem 1986 gegründeten Planungsbüro „Ulrike Brandi Licht“ rund 1.000 Projekte verwirklicht, darunter so bekannte Projekte wie das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart, der Licht-Masterplan für Rotterdam oder die Elbphilharmonie in Hamburg. Ulrike Brandi lehrte an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig und hielt zahlreiche Vorträge im In- und Ausland. Mit ihrem 2013 gegründeten „Brandi Institute for Light and Design“ gibt sie ihr umfangreiches Wissen, das auch in vielen Publikationen niedergeschrieben ist, an die nächste Generation weiter.

Das Interview führte, exklusiv für das BAU MAG, Thomas Geuder für World-Architects
Foto: Christina Körte